Gauck/Wulff: Interessante Reaktionen

Da ist mancherlei Unsouveränes hochgekommen.

C-Parteien, die hemmungslos ihre Kandidaten einpeitschen. Dass Grundgesetz gibt ja vor, dass die Delegierten nicht an Weisungen und Aufträge gebunden seien – derart offen dagegen aufzutreten, mag die politische Realität sein, aber stillos ist es allemal.
Eine verlässliche Regierungsmehrheit demonstriert man damit auch nicht.

So weit, so vorhersehbar. Nicht vorhersehbar war eine Pikanterie bei der Linkspartei.
Wird ein Abgeordneter gefragt, ob er Gauck wählen könne. Die Anwort: „Was würden Sie tun, wenn Sie die Wahl hätten zwischen Hitler und Stalin?“
Ich weiß nicht recht, soll ich es als Fortschritt werten, dass da ein hochrangiges Mitglied der Linken öffentlich anerkennt, dass Stalin so übel wie Hitler war, oder soll ich empört sein, dass er Wulff und Gauck mit zwei der übelsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts in die gleiche Schublade wirft.

NACHTRAG: Dehms Missgriff stößt auch innerhalb seiner Partei auf Kritik. Hoffen wir, dass das dort Mehrheitsmeinung ist. Oder wird. Die Linke ist nun mal ein signifikanter Teil des politischen Spektrums, und wenn dieser Teil ernsthaft Politik macht statt Klamauk, tut das der Republik nur gut. Egal, ob man die ihre Ziele nun teilt oder nicht.

NACHTRAG 2: Im Gegensatz zu den Grünen finde ich seine Erklärung durchaus angemessen. Dass einem ein Vergleich entgleist, kann schon mal passieren.
Was die Wikipedia sonst von von ihm zitiert, klingt allerdings danach, als wären solche Entgleisungen bei ihm nichts Unübliches. Das finde ich allerdings kritikwürdig.

4 Gedanken zu „Gauck/Wulff: Interessante Reaktionen“

  1. Manchmal folgt man interessanten Schreibern von Telepolis bis zu deren eigenem Blog. Und manchmal ist es angemessen einen Kommentar abzugeben – was ich hiermit tun möchte. Zu Dieter Dehm: Der frühere Stasispitzel IM „Diether“ als auch IM „Willy“, der von 1971 bis 1978 für die Hauptabteilung XX/5 des MfS spitzelte, unterlässt keine Möglichkeit Frontlyrik abzulassen. Das durfte ich vor gut zwei Jahren persönlich im Saarland erleben.

    Als Besucher eines als Kleinkunstfestival angekündigten Events, mit Preisverleihungen für Nachwuschbands, hoffte ich die eine oder andere musikalische Entdeckung zu machen. Statt dessen fand ich in dem wunderschönen Hinterhofambiente des Kleinkunsttheaters ein völlig überaltertes, eingenwillig schrulliges Publikum vor. Schon die Begrüssungszeremonien erinnerten mich an den Habitus, den ich seinerzeit von SED-Schranzen in der DDR gewöhnt war. Konsequenter Weise verteilte man kurz darauf Handzettel einer feministischen Gruppierung der DKP, die um ein extremistisches Hilfsprojekt warb. Skeptisch geworden, hoffte ich nunmehr auf unbelastetere Bands und die Preisverleihung. Statt dessen wurde eine Vorstellung des politischen Oeuvre eines Ehrengastes und Mitglieds der Jury angesagt. Mit Bittermiene wurde vom Podium verkündet, der Genosse hätte schon so manches auf Grund seiner „aufrechten politischen Haltung“ erleiden müssen, auch vor kurzem wieder lauerte man ihm medial auf. Mit tosendem Beifall erschien dann der so angekündigte Star des Abends: Dieter Dehm.

    Um es kurz zu machen – die Persiflage einer kommunisischen Allmachtsphantasie hätte nicht lächerlicher wirken können. Im Halbdunkel ging ich auf Vollsicht zu machem Abzeichen der Besucher an der Brust: DKP. Besonders geherzt wurde auch die Genossin, die die PDS/DieLinke im Schulterschluss mit der DKP im unverbrüchlichen Sinne endlich regional zusammenführen sollte.

    Statt eines kunstollen Abends, liess ich mich also auf eine morbide politische Selbstdarstellerei ein, die mit dem tatsächlichen Absingen von Rot-Front Singsang und erhobenen Fäusten endete. Dame Edna hätte es „spooky“ genannt. Ich nahm lange Passagen des Parolen singenden Publikums – im Duett mit Dieter Dehm – mit meiner Handycam auf. Sonst hätte mir niemand geglaubt, wie durchgehend absurd und ideologisch weichbirnig, die gerade in weiterer Mutation befindliche SED/PDS nebst DKP sich selbst feiert.

    Für mich sucht das Konglomerat unter dem Namen DieLinke eine Signifikanz – man möchte also politisch bedeutsam sein. Und derartig beständige Selbstbehauptungen der Genossen werden, von sich als sozial gerecht empfindenden Menschen, überbewertet und zur Realität erklärt. Dabei stellen im Osten weit über 30 000 einstige Nomenklaturkader und Mitglieder der „Bewaffneten Organe“ der DDR, die personengleich im ISOR e.V und als Basismitglieder in der Partei DieLinke agieren, völlig klar, welche Bedeutung diese Partei sucht. Zudem waren über 75% der Genossen treueste Mitglieder der SED. Selbstdarsteller wie Dieter Dehm sorgen dafür, dass ideologiefreie linke Alternativen, wie bspw. Attack, WASG oder Gewerkschafstinitiativen dieser Partei, mit der Ideologie aus dem letzten Jahrtausend, einverleibt werden. Laut Parteiprogramm will die PDS/DieLinke das „System“ überwinden. Zwar orakeln diese Genossen über eine Distanz zur DDR, fordern in oppositioneller Sicherheit höchste Entschädigungen für die von ihnen verursachten politischen Häftlinge oder berserkern über jede andere Partei. Aber eine tatsächliche Überwindung der eigenen Ideologie würde einen Antagonismus darstellen – also das Todesurteil für dies Partei. So ist es nur logisch, wenn DieLinke einen Bundespräsidentschaftskandidaten Namens Gauck wie den Teufel meidet und in der Luft zerpflücken will.

    Es sollte demokratische Konsens sein, beide politischen Extreme abzulehnen und jede Bauernfängerei bloss zu stellen.

  2. Danke für’s Kompliment 🙂
    Nur ganz kurz: solche Veranstaltungen habe ich nicht erlebt, aber ich kann sie mir lebhaft vorstellen, schwache Abklatsche davon kenne ich aus meiner Schul- und Studienzeit. Ein hübsches Stimmungsbild übrigens, das Du da zeichnest.
    Meine Vermutung: die Linke Partei hat solche Gruppen und Grüppchen, und die haben sich bei diesem Liederabend getroffen und gegenseitig bestätigt. Dehm ist ja ein Liedermacher (und noch dazu ein guter, „Tausendmal berührt“ ist von ihm, und damit hat er ganz offensichlich einen Haufen Leute angesprochen), da liegt es natürlich nahe, so ein Kadertreffen auch musikalisch aufzuziehen.
    Meine weitere Vermutung: man findet solche Gruppen und Grüppchen auch in allen anderen Parteien.
    Und meine dritte Vermutung: es gibt auch in der Linken Gruppen, mit denen man vernünftig reden kann. Wenn diese Vermutung stimmt, sollte man die Vernünftigen in der Linken aufwerten, indem man mit ihnen kooperiert, und die Dogmatiker abwerten, indem man sie ignoriert.

    Mal schauen, wie lang der Dehm noch noch niedersächsischer Co-Landesvorsitzender bleibt…

  3. Das sind dann doch ein paar Vermutungen zu viel, finde ich. Mich wundert immer wieder, warum politisch interessierte Menschen, Intellektuelle und Medienmacher auf die Integration ausgerechnet dieser ehemaligen dogmatischen Staatspartei setzen? Muss man den Fehler nach dem Untergang der Nazibarbarei wiederholen – auch damals wurden viele Mittäter mit Persil gewaschen und schritten fanatisch an die Fleischtöpfe der Macht zurück. Sorry: Wer moralisch so abartig wie Dieter Dehm ist – damals für die Stasi Spitzeldienste unter zweifachen IM-Namen fertigte und heutzutage für Cocoa Cola „Sonderwerbeformen“ entwickelte – kann seinen vermurksten Denkdurchfall gerne in einer adäquat passenden Partei verkaufen. Aber, bittschön: was hat das mit linken seriösen Kräften in einer Demokratie zu tun? Natürlich gab es vernünftige Leute, die West-Parteimitglied waren. In Scharen traten diese motivierten, sozial denkenden Menschen spätestens dann aus, als sie Kenntnis von den Charakteren und Seilschaften in ihren Regionaltruppen bekamen. So übertölpelte die einstige SED nicht nur vor 1989 Teile der Friedensbewegung in der Bundesrepublik, sondern auch heute noch große Teile von WASG, ATTACK und Gewerkschaftsgruppen. Und wenn Sie googeln, finden Sie noch immer heftige Artikel ganzer Gruppen, Regionalbünde und Initiativen, die sich mit vehementer Kritik gegen die Drahtzieher der Linkspartei des Westens wenden. So sind einige DKP-ler, die damals vom MfS in der DDR in terroristischen Akten ausgebildet wurden, heute Funktionäre der Linkspartei/ West. Wer aufmuckt dagegen, darf gehen oder Basis spielen.

    Ich könnte mir durchaus eine unideologisch starke Kraft in Deutschland vorstellen, die konstruktiv und sachlich Themen aufgreift, die die einstige SED sich durchs Maul zerrt. Und dann gibt es ja auch noch Bündnis90/ Die Grünen. . .

    Erst dieses bürgerübliche Laissez-faire macht DieLinke zu einer Fata Morgana, der man vertrauensvolle soziale Kompetenz zuschreibt. Dabei braucht man nur die Kölner Parteitagsdebatten von 2009 lesen – dort wurde beschrieben, dass es hoffentlich bald eine wirtschaftliche Katastrophe in unserem Lande gebe: um das Feuer der Revolution endlich schüren zu können. Und wer würde dabei drauf gehen? Die Möglichkeiten der Demokratie, das Leben zehntausender Unbeteiligter. Und ein Rückschritt in die ideologische Wahnwelt des letzten Jahrtausends drohte.

    Es gibt kein Wahrheitspostulat – weder für die nur im Namen gewendete SED, noch können andere Parteien dies beanspruchen. Soätestens der Untergang der Weimarer Republik sollte klarmachen, wo wir landen, wenn extreme Pole um des Volkes Hirn buhlen. Hitler wurde auch „demokratisch“ gewählt. Deutschland ist eben nicht nur das Land der Dichter und Denker, sondern auch der Unreflektierten und Fanatisierbaren. Die Eliten einer Gesellschaft verhalten sich immer so, dass sie oben schwimmen bleiben können. Das gilt auch für Menschen, die unter dem Mantel LINKS ihre ideologische Nische suchen. Alte Stasisten bilden z.B. 30% der Landtagsfraktion im Land Brandenburg, Potsdam stellte einen IM zur OB-Wahl. Das ist nur ein Beispiel, wie die Basis der Genossen ihresgleichen aufs Podest hebt. Mittäter einer Diktatur mögen ihr Leben leben – Teilhabe an der Macht in einer Demokratie, dürfte es nicht mehr geben.

    Vermutungen und Realitäten sollte man vielleicht öfter abgleichen – an anrüchigen Fakten über die einstige SED mangelt es ja nicht: positive Dinge aus diese PArtei dagegen haben enormen Seltenheitswert . . .

  4. Ach… ich hab selbst so meine leisen Zweifel über die Linke.

    Aber ich glaub nicht so recht, dass die sozial motivierten Leute in Scharen ausgetreten und in der Linken gar nicht mehr vertreten sind.
    Wer in der SPD bis zur Gründung der WASG durchgehalten hat, hört mit der Politik nicht auf, nur weil in der Partei auch Idioten rumrennen.

    Und die vielen, vielen ehemaligen IMs – klar, manche davon sind üble Finger, andere wollen es diesmal besser machen, die meisten dürften ihre Stasizeit mental mittlerweile wegredigiert haben.
    Und die sind auch nicht das größte Problem. Die Linke muss die offenen Ideologen loswerden oder kaltstellen und halbwegs realistische arbeitsmarktpolitische Perspektiven entwickeln. Vorher kriegen die eh nicht mehr als 20%, und die Frage, ob da noch IMs rumhüpfen oder nicht, ist irrelevant. Wer Stasimethoden in der BRD einführen will, ist eh in die Innenministerien gewechselt und nicht in die Linke…

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