Es sprach der Papst

Nicht nur vorm Bundestag, aber die habe ich hier vor mir.

Und was sagt er, als End- und Höhepunkt seiner Rede? „Von der Überzeugung eines Schöpfergottes her ist die Idee der Menschenrechte, die Idee der Gleichheit aller Menschen vor dem Recht, die Erkenntnis der Unantastbarkeit der Menschenwürde in jedem einzelnen Menschen und das Wissen um die Verantwortung der Menschen für ihr Handeln entwickelt worden.“

Stimmt, ist aber trotzdem falsch.

Stimmt, denn die Unabhängigkeitserklärung der USA begründet die Menschenrechte mit ihm: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“ („Wir halten die folgenden Wahrheiten für offensichtlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören.“)

Ist aber trotzdem falsch, denn das Argument funktioniert auch, wenn man für „Schöpfer“ auch „die Evolution“ oder „die Natur“ oder „zum Wohl der Gesellschaft“ einsetzt.
Denn die Vorstellung universeller, nicht wegnehmbarer Menschenrechte ist so attraktiv, dass sie auch in der UNO eine Mehrheit gefunden haben. Auch die Chinesen und Japaner, die ihre ethischen und gesellschaftlichen Normen nicht aus einem Schöpfergott herleiten, haben diese Idee unterstützt.

Die Idee von einem Schöpfergott scheint mit der Menschenrechtsidee sogar ein Stück weit zu kollidieren. Wie sonst soll ich erklären, dass sich christliche Kirche und christliche Kultur massivster Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht haben? Damit meine ich nicht nur Hexenverfolgung und Kindesmissbrauch, sondern auch Geschichten wie die Colonia Dignidad, das Gemetzel des Ersten Kreuzzugs in Jerusalem, große Teile der Kolonialgeschichte und die immer noch anhaltende Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Liebe.

Der Papst weiß das alles natürlich. Schließlich wird er allgemein als intelligent und gut informiert beschrieben.
Und dann erweckt er rhetorisch den Eindruck, die Menschenrechte seien das Verdienst der Idee vom Schöpfergott?

Ich weiß nicht, wie der Rest der Welt das beurteilt.
Ich beurteile das als Anmaßung, weil er den nichtchristlichen Anteil an der Idee der Kirche zuschreibt.
Als Heuchelei, weil er die angemaßten Anteile auch noch den Nichtchristen als Mangel vorhält.
Als Betrug, denn es ist bewusste Irreführung.

5 Gedanken zu „Es sprach der Papst“

  1. Mich erstaunt, wie Du die Situation von einem sachlich korrekten, anfänglichen „Stimmt“ hin zu „Anmaßung“, „Heuchelei“ und „Betrug“ entwickelst. Obwohl Du dem Papst bescheinigst, die Wahrheit gesagt zu haben, legst Du ihm seine Worte so aus, dass er am Ende als moralisch verwerflicher Lügner dasteht.

    Vermute ich richtig, dass Du nicht vorurteilsfrei an die Rede herangegangen bist, sondern zuvor eine grundnegative Einstellung gegenüber dem Papst beziehungsweise der katholischen Kirche pflegtest, dieser Ausdruck verleihen wolltest und dafür die Rede zum Anlass nahmst, auch wenn sie nicht wirklich dazu passt? Zwar fände ich dies etwas ungeschickt, aber nachvollziehbar.

    Ansonsten finde ich bedauerlich, wenn jemand fürs Benennen historischer Fakten so gescholten wird. Das scheint mir nicht dem Geist der Aufklärung zu folgen.

  2. Klar gab es eine Meinung. Aber der Papst hat ja auch aus einer eigentlich lobenswerten Benennung von Historischem eine Reinwascherei der Kirchenposition gemacht, da kann ich aus seiner Rede zur Richtigstellung die Heuchelei etc. machen.

    Übrigens, was mir grad auf deiner Website auffiel: Was die Kreiszahl in der Pyramide angeht, gibt es eine ganz einfache Erklärung. Die Ägypter haben mit einem Rollrad gemessen, horizontale Entfernungen durch Abzählen der Umdrehungen, vertikale durch Aufeinanderstellen der Räder. Schon kommt in alle Verhältnisse von Höhe zu horizontaler Entfernung überall die Kreiszahl rein, egal, ob sie die Zusammenhänge nun durchschaut haben oder nicht.

  3. Dass der Papst nicht erst die Verbrechen der Kirchengeschichte aufzählt, bevor er positive Entwicklungen benennt, würde ich nicht als Versuch der Reinwaschung interpretieren. Muss ein Deutscher, bevor er über Errungenschaften von Dichtern und Denkern aus seinem Land spricht, zunächst stets von deutschem Boden ausgegangene und hier verübte Verbrechen aufzählen? Ich finde nicht – aber man darf das natürlich anders sehen.

    Die Erklärung des Zustandekommens der Pyramidenmaße durch Messen mit Rädern ist eine reizvolle Ergänzung zum Theorienvorrat. Danke für diesen Hinweis! Archäologische Indizien sind mir dafür allerdings keine bekannt – tatsächlich scheint es bislang keinen Nachweis zu geben, dass den alten Ägyptern zur Zeit des Baus der Cheopspyramide das Rad schon bekannt war. Wegen des Nils als idealem Transportweg im langgestreckten Land am Fluss und der vergleichsweise schlechten Rolleigenschaften auf sandigen Wüstenböden andererseits war die Erfindung des Rades im Pharaonenreich weniger vorteilhaft und naheliegend als anderenorts.

  4. Das Thema verleitet natürlich dazu, sich sowohl breit als auch emotional zu äußern.

    Warum man – trotz aller Bemühungen zur Sachlichkleit – nicht auf Begriffe verzichten *darf*, die endgültig, extrem und auch beleidigend sein können, liegt zum einen daran, dass man unmöglich für seine Mitmenschen verständlich sein kann, ohne sich in aller deutlichkeit zu äußern. Zum anderen liegt es daran, dass es sonst andere für einen tun.

    Wie nennt man jemenaden der wissentlich die Unwahrheit sagt? Richtig: Einen Lügner!
    Mache ich diese Aussage besser, wenn ich versuche vorsichtig und vor allem weniger provokativ zu sein, indem ich mich weniger deutlich ausdrücke: „er sagt nicht die Wahrheit“?
    Nein. Denn: 1. mache ich den Eindruck, ich wäre mir meiner Sache unsicher, was die Aussage viel angreifbarer macht und beim Zhörer unnötige Zweifel hinterlässt und 2. wird die prompte
    (und dann ebenfalls angemessene) Antwort sein, dass ICH der Lügner bin 🙂

    Wenn man das nicht will, sollte man sich tunlichst *deutlich* und *prägnent* ausdrücken, so unangenehm das in der Konsequenz auch sein mag.

    Im Übrigen ist es nicht dem Überbringer der prägnanten Nachricht anzulasten, dass die Nachricht so unangenehm ist, sondern demjenigen, der das Geschilderte vollbracht hat.
    Das Kind ist also schon in den Brunnen gefallen, *bevor* darauf hingewiesen wurde. Nur hat man nachdem die Wahrheit einmal ausgesprochen wurde die Chance, es wieder gut zu machen (und nur dann hat man die).

    Haben auch menschen ohne religiöse Ansichten Moral? -> Offensichtlich ja. Denn es gibt den gesunden Menschenverstand.
    Ist der Papst naiv? -> Nein, denn dann wäre er nicht so weit gekommen.
    Sagt er demzufolge unwissentlich die Unwahrheit? -> Natürlich nicht.
    Wenn er also lügt, wiso sollte er das tun? -> Weil die Kirche eine Instanz ist, die es zu schützen gilt.

    Ergo ist der Papst sowohl anmaßend, heuchlerisch als auch ein Betrüger.
    Klingt hart, ist aber nunmal so. Wenn er mir auch persönlich höchst sympatisch erscheint.

  5. Man sollte dazu vielleicht auch erwähnen, dass „der Papst“ des Artikels noch der Ratzinger war.
    Der heutige Papst hat sich bisher recht anders verhalten. Mal schauen, ob und wie die Kirche sich da noch bewegt.

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