Peinliches Problem im Windows Home Server

Da rede ich mir schon seit Monaten den Mund fusslig, dass Microsoft zwar früher nur Schrott geliefert habe, mittlerweile aber anständige Qualität ausliefert, und dann bestätigen sie doch wieder alle Vorurteile.

Diesmal im Windows Home Server. Unter bestimmten, sehr seltenen Umständen verliert das Ding Daten. Genaue Umstände sind nicht bekannt, und solange nur einer gleichzeitig auf eine Datei zugreift, passiert auch nix (aber dafür braucht man dann auch keinen Server).

Das Problem an sich ist gar nicht mal so dramatisch. Shit happens, jeder Programmierer schießt mal einen Bock, und auch die Dateisysteme anderer Hersteller verlieren ab und an mal Daten.

Peinlich ist allerdings, dass Microsoft den Fehler erst irgendwann im Juni beheben will. Die Tests dauern halt so lange.
Jeder andere Betriebssystemhersteller hat eine ältere Fassung des Treibers in der Schublade, die bei auftretenden Problemen als Notlösung eingesetzt werden kann. Microsoft offenbar nicht.

Und das ist so unprofessionell, dass es schon wieder megapeinlich ist.

Microsofts Kehrtwende

Sie wollen jetzt all das tun, was man von ihnen verlangt:

  • Schnittstellen offenlegen. Damit können Dritte Software schreiben, die z.B. mit einem Exchange Server Daten austauscht.
  • Dokumentenformate offenlegen. Damit können Dritte z.B. Software schreiben, die Word- und Exceldateien liest oder ändert.
  • Mit Normungsgremien zusammenarbeiten. Also nicht mehr schlechte Standards wie OOXML durchdrücken, indem man massenweise Strohmänner in die Normungsgremien einschleust.
  • Und überhaupt lieb zur Open-Source-Gemeinde sein.

Wenn sie das wirklich tun, wäre das eine Kehrtwende um 180 Grad.

Zuzutrauen wäre es ihnen. Es ist durchaus denkbar, dass sie gemerkt haben, dass sie auf lange Sicht gegen Open Source nicht gewinnen können, und bessere Geschäftsmöglichkeiten in der Kooperation sehen. Es gibt wenige Konzerne, die ihre Strategien binnen sechs Monaten komplett wechseln können, Microsoft hat das schon mehrfach vorgemacht (so richtig auffällig zuletzt beim Umgang mit dem Internet).

Ob das hinterher auch für andere Softwareentwickler als Microsoft ein Segen ist, wird sich natürlich erweisen. Microsoft war schon immer sehr agressiv im Umgang mit der Konkurrenz, daran wird sich sicher so rasch nichts ändern.

Also abwarten und Tee trinken.
Und schauen, was die Leute sagen, die die ganzen jetzt von MS freigegebenen Dokumente für ihre Arbeit nutzen können.
Microsoft hat ja schon früher Kreide gefressen und neue Offenheit propagiert, und hinterher stellte sich dann raus, dass die veröffentlichte Dokumentation zwar hübsch formatiert war, aber entscheidende Details verschwieg.

EU-Verfahren gegen MS zeigt Wirkung

Microsoft wurde ja von der EU-Kommission in einem Monopolverfahren dazu verdonnert, alle Informationen freizugeben, die andere Software benötigt, um mit MS-Software zusammenzuarbeiten. (Auf Neudeutsch heißt das „Interoperabilität herstellen“.)
Technisch läuft das so, dass MS für diese Informationen eine Lizenz nach RAND-Grundsätzen erteilen muss. (RAND ist kurz für „reasonable and non-discriminatory“, also „vernünftig und für alle einheitlich“.)

Das erste große Softwareprojekt, das diese Auflagen beim Wort genommen hat, ist Samba. (Mit Samba kann man gemeinsam genutzte Dateien auf einem Linux-Server ablegen und von Windows aus als Netzwerkfreigaben ansprechen.) Sie haben mit Microsoft eine Lizenz ausgehandelt, und was ich so lese, klingt äußerst brauchbar: wenn ein freier Entwickler Software schreibt, die mit Dateifreigaben oder Anmeldedaten zu tun hat, meldet er sich bei der PFIF (der Organisation, die die Lizenz von MS hat) als Subunternehmer und erhält Zugriff auf alle nötigen Informationen. Er muss dafür ein Geheimhaltungsabkommen unterschreiben, aber den Code, den er anhand der geheimgehaltenen Dokumentation schreibt, darf er trotzdem veröffentlichen. Und er kann jederzeit kündigen, muss dann noch drei Monate die Füße stillhalten, danach darf er aus dem Nähkästchen plaudern (er darf die Dokumentation trotzdem nicht veröffentlichen, weil das eine Verletzung des Copyright wäre, aber er muss nur alles umformulieren – das Copyright schützt nur die konkreten Formulierungen, nicht die Ideen dahinter).

Die Mitteilung des Samba-Projekts ist hier, und eine detaillierte Beschreibung des Lizenzvertrags und was er bedeutet ist hier.

Feine Sache, das Ganze.
Das einzige, was mir jetzt noch fehlt, ist ein ähnliches Abkommen für die Zusammenarbeit mit dem Exchange Server. Da hakt es einfach noch: Linux-Software redet nicht mit dem Exchange Server, und die Windows-Programme können nicht so richtig mit Linux-Servern, wenn es um Mail, Terminkalender und andere Exchange-Funktionen geht.

Es wär fein, wenn es dafür auch mal ein Projekt gäbe. Am schlauesten wär’s, wenn man sich beim Samba-Projekt schlau machen würde, wie sie das im Detail gemacht haben, und sich mit dem Software Freedom Law Center in Verbindung setzen. Ein Spendenaufruf oder die finanzielle Rückendeckung einer Firma wär auch nicht verkehrt, die Samba-Lizenz hat 10.000 Dollar gekostet, das ist für die meisten Privatleute ein bisschen zuviel.

Aber es ist machbar.